Gustav Metzger. Geschichte Geschichte

Diese Retrospektive ermöglichte erstmals am europäischen Kontinent eine Auseinandersetzung mit dem wenig bekannten Werk von Gustav Metzger (1926 Nürnberg, DE – 2017 London, UK), der als Künstler und Aktivist in verschiedenen Gebieten pionierhaft tätig war. Die Ausstellung spannte einen zeitlichen Bogen von den frühen Manifesten und Lecture/Demonstrations über sein kunstkritisches und politisches Engagement, bis zur Werkgruppe der Historic Photographs und den aktuellen Arbeiten mit Zeitungen.

Ausgangspunkt für Metzger war sein Konzept der „Autodestruktiven Kunst“, die er 1959 in seinem ersten Manifest als „eine Form der öffentlichen Kunst für Industriegesellschaften“ definierte und in einer Reihe von Vorträgen und Demonstrationen vorführte. Nuklearenergie, Umweltverschmutzung und allem voran die Auswirkungen von verbrecherischen und zerstörerischen Handlungen wie jene des Nationalsozialismus waren Faktoren, die sein Verständnis von Ästhetik grundlegend verändert haben.[1] Seine künstlerische Arbeit war eng mit den zahlreichen politischen und ökologischen Initiativen, für die er sich seit den 1950er-Jahren engagierte, verbunden.

In der „Autodestruktiven Kunst“ wird das Künstlersubjekt durch einen Automatismus ersetzt, durch Prozesse der Zerstörung, die biologisch, chemisch oder technologisch eingeleitet werden. In der wenige Zeit später von Metzger ebenfalls definierten „Autokreativen Kunst“sind es Vorgänge des Wachstums, die ein Werk generieren und in ständigem Fluss halten. Die Transformationsprozesse, welche seine Arbeiten bestimmen, sind höchst unterschiedlich und reichen von weggeworfenen Kartons und Textilien, von Säure zerfressenen Leinwänden über Skulpturen, die ihre Bestandteile abwerfen, bis zu psychedelischen Farbspielen erzeugt durch Flüssigkristalle oder Wassertropfen in der Schwebe zwischen zwei Aggregatzuständen. Metzgers Materialien stammen durchwegs aus industrieller Produktion und maschineller Fertigung und verstehen sich in ihrem prozessualen Einsatz als Angriff auf kapitalistische Werte, insbesondere auf den Kunstmarkt. Er setzte sogar Kleinkraftwägen bzw. deren Abgase für seine Kunstprojekte ein.

In gleichem Maße wie bei seiner künstlerischen Arbeit engagierte sich Gustav Metzger als Organisator von Ausstellungen und Symposien aber auch in politischen Foren und theoretischen Vorträgen. Ein wichtiges Kapitel der Ausstellung war Metzgers Rolle als Initiator und Sekretär des legendären Destruction in Art Symposium (DIAS) 1966 in London, mit dem er neuen Tendenzen in der Kunst zu internationaler Aufmerksamkeit verhalf. Dabei verschaffte er u. a. den Künstlern des Wiener Aktionismus, die als „Institut für direkte Kunst“ vertreten waren, den ersten internationalen Auftritt. In den 1970er-Jahren befasste er sich intensiv mit Umweltverschmutzung und engagierte sich für Computerkunst. 1974 rief er zu Years without Art 1977–1980 auf, einem dreijährigen „Kunststreik“, der das Potential politisch engagierter Kunst vor seiner Verharmlosung durch Establishment und Kunstmarkt bewahren sollte.

Der Tageszeitung als Zeichen für Realität und deren Gestaltung, die als Spiegel und Speicher von Geschichte fungiert, kommt bei Metzger eine zentrale Rolle zu. Die Frage, wie wir mit den Bildern der in den Medien dokumentierten humanitären Katastrophen umgehen, stellte Gustav Metzger in seiner Werkgruppe der Historic Photographs aus den 1990er-Jahren. Indem die Betrachter*innen bestimmte Aktivitäten setzen müssen, wenn sie die historischen Fotografien sehen möchten, verdeutlicht er unsere Ambivalenz zwischen Voyeurismus, Bagatellisierung und Anteilnahme.


[1] 1926 als Sohn orthodoxer Juden in Nürnberg geboren, flüchtete Metzger 1939 mit Hilfe des „Refugee Children’s Movement“ nach England und überlebte daher den Holocaust.

Foto © Werner Kaligofsky, Bildrecht Wien 2005

11. Mai – 28. August 2005
Generali Foundation

Wien, AT

Kuratorin
Sabine Breitwieser
Assistenz Kuratorin, Ausstellungsproduktion: Cosima Rainer

Ausstellungskatalog
Hg. Sabine Breitwieser für Generali Foundation
Wien 2005
Gustav Metzger. Geschichte Geschichte
Vorwort Dietrich Karner, Einleitung Sabine Breitwieser, Aufsätze Justin Hoffmann, Kristine Stiles, Andrew Wilson, Gustav Metzger, umfassende Chronologie
Grafische Gestaltung Dorit Margreiter
24,5 × 19 cm, 310 Seiten, 55 Farb- und 150 Duplex Abbildungen
Klappenbroschur, getrennte deutsche und englische Ausgaben
Ostfildern, Hatje-Cantz, 2005 (gebundene Ausgabe)
German ISBN 3775716491
English ISBN 3775716505

Links
www.foundation.generali.at