Designs für die wirkliche Welt

Die Ausstellung versammelte exemplarisch Projekte von vier Künstler*innen unterschiedlicher Herkunft und Generation, die sich mit der Gestaltung unserer Lebenswelt auseinandersetzen und sich dabei besonders durch ihren interdisziplinären Zugang auszeichnen. Utopisches und ökologisches Design, Designs für die sog. Dritte Welt, Social Engineering, Stadtentwicklung, urbane Konfliktstellen und die Frage nach der Verantwortung der Kunst in einer „New Genre Public Art“ wurden in den jeweiligen künstlerischen Projekten in unterschiedlicher Weise thematisiert.

Die Entstehung einer neuen städtischen Struktur und deren Analyse stehen im Mittelpunkt des Projektes Arizona Road (2002) von Azra Akšamija (1976 Sarajevo, BA – Boston, US). Der Arizona Markt, der größte Schwarzmarkt Bosniens entlang der 1997 von amerikanischen SFOR-Soldaten eingerichteten und Arizona Road benannten Nord-Süd-Verkehrsachse, offenbarte neue politische, soziale, wirtschaftliche sowie urbane Zustände als Folge des Krieges. Akšamija erforschte die Selbstregulierungskräfte der Bewohner*innen innerhalb dieses Umschlagsplatzes für Waren jeder Art. Die von ihr vorgeschlagenen Interventionen umfassten eine „Provokateur Stange“ mit Versorgungsanschlüssen für Strom, Wasser und Kanal sowie einen Platzhalter in Form eines Sportplatzes und wurden für die Ausstellung prototypisch konstruiert. Eine Doppelvideoprojektion und ein Timetable der historischen, politischen und sozialen Situation in der Region vervollständigten das Bild, das in dieser Präsentation vom Arizona Markt gezeichnet wurde.

Einen vergleichbaren Ansatz verfolgte Marjetica Potrč (1953 Ljubljana, SI), ebenfalls als Architektin und Künstlerin ausgebildet, mit ihren Forschungen zur kontinuierlichen Veränderung der Stadt und dem Dialog zwischen geplant und unreguliert entstandenen Vierteln, u. a. mit den ständig wachsenden Armensiedlungen. Gleich einer urbanen Anthropologin untersucht sie Einzelinitiativen aus unterschiedlichen geografischen und sozialen Bereichen, die Hightech-Probleme mit Lowtech-Lösungen bewältigen. Für die Ausstellung in der Generali Foundation rekonstruierte sie das Butterfly House, ein Gebäude des US-amerikanischen Architekten Samuel Mockbee (1944–2001) und seines Rural Studio, dessen Anliegen die Entwicklung innovativer Wohnentwürfe für die arme Bevölkerung des amerikanischen Südens war. Shanti Towns, Gated Communities, mobile Architektur sind Themen ihrer fotografischen Serien. Die Präsentation von innovativem Design als Readymade, u. a. für ökonomisch benachteiligte Länder, bildete das dritte Standbein ihrer Präsentation in Wien.

In seinen Projekten aus dieser Zeit machte Florian Pumhösl (1971 Wien) die Faszination für die Ästhetik und die Rhetorik der Moderne und ihre nachfolgenden Erneuerungsbewegungen gleichzeitig mit deren kritischer Analyse und Distanzierung erlebbar. Die in der Ausstellung gezeigte Arbeit On or off earth (1996) legte die Grundstrukturen seines künstlerischen Ansatzes offen. Der modellhafte Nachbau von Designentwürfen von Victor Papanek, u. a. aus seinem bekanntem Buch Designs for the Real World (1971), die kontextualisierende Einbettung in die zeithistorischen Diskurse durch Publikationen und Texte sowie die kritischen Kommentare des Künstlers selbst formten ein Gesamtszenario zur Überprüfung des utopischen Gehalts der Alternativbewegung der 1960er-Jahre.

Die „Politik des Absurden“ im Polen der 1970er-Jahre stand möglicherweise Pate für die Entwicklung der ersten Vehicles von Krzysztof Wodiczko (1943 Warschau, PL – New York, Cambridge, US). Sein First Vehicle (1972) zum Beispiel wird durch Vor- und Rückwärts-Gehbewegungen des Künstlers angetrieben. In den späten 1980er-Jahren entwickelte Wodiczko, der einen Hintergrund als Industriedesigner hat, diese Ansätze unter Berücksichtigung der Realität einer kapitalistischen Gesellschaft zur Serie der Homeless Vehicles (1988–89) weiter. Er stellte damit Obdachlosen ein „Straßengerät“ zur Verfügung, das Grundbedürfnisse wie Wohnen, Schlafen und Waschen, aber auch Sammeln und Wiederverkaufen von Dosen und Flaschen berücksichtigt. Das Anliegen des Künstlers, Randgruppen, die Macht von öffentlicher Präsenz zu geben, manifestiert sich auch in Designprojekten wie Alien Staff – eine Kommunikationshilfe für Migrant*innen – und seinen jüngsten Projekten im öffentlichen Raum.

Foto © Werner Kaligofsky, Bildrecht Wien 2002

13. September – 22. Dezember 2002
Generali Foundation

Wien, AT

Mit Werken von
Azra Akšamija, Marjetica Potrč, Florian Pumhösl und Krzysztof Wodiczko

Kuratorin
Sabine Breitwieser
Co-Kuratorin, Ausstellungsproduktion: Hemma Schmutz

Ausstellungskatalog
Hg. Sabine Breitwieser für die Generali Foundation
Wien 2002

Designs für die wirkliche Welt
Vorwort Dietrich Karner, Einleitung Sabine Breitwieser, Texte der Künstler*innen
Dokumentiert auch die Ausstellung translocation (16.1.–11.4.1999)
Grafische Gestaltung: Susi Klocker/Liga
24,5 × 19 cm, 317 Seiten, 118 Farb- und 44 s/w Abbildungen
Klappenbroschüre, Deutsch/Englisch
ISBN 3-901107-37-1
Köln, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2002 (Hardcover
ISBN 3-88375-622-9

Links
www.foundation.generali.at