Vivências, der dem Portugiesischen entnommene Titel der Ausstellung, versucht mit einem Wort die spezifische Verdichtung von Kunst und Leben in Werken von Künstler*innen aus Lateinamerika in den 1960er- und 1970er-Jahren zu fassen. Nach einer Phase der Verarbeitung der modernistischen Kunstauffassung der westlichen Metropolen, trat in den 1960er-Jahren die Auseinandersetzung mit den lokalen Lebensbedingungen ins Zentrum. Die Triebfeder vieler künstlerischer Artikulationen in Film, Musik und Literatur und in der bildenden Kunst bildete jedoch nicht die Rückwendung zu den eigenen Wurzeln, sondern die selbstbewusste, mit Lust und Nachdruck vorgetragene Neudefinition der eigenen Kultur.
Die körperliche, taktile und visuelle Partizipation der Betrachter*innen, die Tendenz zu kollektiven Arbeitsformen und das Engagement für politische, soziale und ethnische Fragen waren Gemeinsamkeiten dieser neuen Kunst. Gängige und billige Materialien kamen zum Einsatz, aber auch die damals neu aufgekommenen elektronischen Massenmedien. Alle Bestrebungen waren auf eine Demokratisierung und Rückführung der Kunst ins tägliche Leben gerichtet. Die Künstler*innen verstanden sich als Vermittler*innen, manchmal auch als Erzieher*innen oder gar als Therapeut*innen. Einige schlüpften in die Rolle von Ethnolog*innen, andere wiederum zeigten mit ihrer künstlerischen Aktivität politische Missstände auf.
Für diese Ausstellung wurden eine Reihe von raumgreifenden Arbeiten teilweise erstmals rekonstruiert und neu installiert, mit der Absicht, eine unmittelbare körperliche Erfahrung und aktive Teilnahme der Besucher*innen anzuregen. In der begleitenden Publikation werden diese immersiven Werke mittels historischen Installationsansichten und Texten sowie aktuellen Aufnahmen und Aufsätzen renommierter Autor*innen und Expert*innen vermittelt. Dieser wichtige Ausstellungskatalog gibt Einblick in das herausragende Schaffen lateinamerikanischer Künstler*innen.
Foto © Werner Kaligofsky, Bildrecht Wien 2024
Herausgegeben von
Sabine Breitwieser
für die Generali Foundation
Wien, 2000
Texte von
Vorwort Dietrich Karner, Aufsätze Sabine Breitwieser, Guy Brett, Mari Carmen Ramírez, und die Künstler*innen Luis Camnitzer, Lygia Clark, Alberto Greco, David Lamelas, Lea Lublin, Cildo Meireles, Ana Mendieta, Marta Minujín, Hélio Oiticica
Grafische Gestaltung Florian Pumhösl
28 × 21,6 cm, 290 Seiten, 278 Farb- und 88 s/w Abbildungen
Klappenbroschur, Deutsch/Englisch
Köln, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2000 (Hardcover)
ISBN 3-901107-28-2

