Post-Partum Dokument von Mary Kelly ist das Ergebnis einer Studie der Mutter-Kind-Beziehung und entstand über sechs Jahre hinweg in den 1970er-Jahren, als die Künstlerin in London lebte. In dieser bahnbrechenden Arbeit wirft Kelly ein völlig neues Licht auf das Mutter-Kind Motiv sowie auf das Verfahren der Dokumentation, das zu dieser Zeit in der Konzeptkunst gängig waren. Als es 1976 erstmals im ICA in London ausgestellt wurde, sorgte das Werk für Empörung in der Boulevardpresse, weil in der Dokumentation verschmutzte Windeleinlagen zu sehen waren. Die erweiterte Fassung der Erstausgabe des 1983 verlegten und seit einiger Zeit vergriffenen Post-Partum Dokument-Buches und die erste deutsche Übersetzung dieser einflussreichen Publikation ermöglicht die erneute Auseinandersetzung mit diesem zentralen Werk.
In der Einleitung zum Post-Partum Dokument (1973–78) und den sechs folgenden Abschnitten behandelt Mary Kelly (geboren 1941, lebt in Los Angeles, US) die Beziehung zwischen ihr als berufstätige Mutter und ihrem kleinen Sohn. Fragen nach der Entstehung von Geschlechterdifferenz und dem weiblichen Fetischismus stehen im Zentrum. Die einzelnen Abschnitte dokumentieren die Entwicklung des Kindes bis zum fünften Lebensjahr und reflektieren den Prozess der wechselseitigen Sozialisation von Mutter und Kind. Babyhemdchen, Windeleinlagen, Zeichen- und Schriftspuren, Abdrücke der Hände und Pflanzen- und Insektenpräparate repräsentieren die Erinnerungen der Mutter. Diese stehen aber auch dafür, wie diese die Loslösung von ihrem Kind verarbeitet. Diese persönlichen Gegenstände hat die Künstlerin mit Tagebuchartigen Kommentaren und quasiwissenschaftlichen Daten versehen. Subjektive Verweise und distanzierte, theoretische Ansätze in Form von Diagrammen stehen einander gegenüber. Der langjährige Reflexions- und Visualisierungsprozess von Mary Kelly wird mittlerweile als einzigartig in der Kunstgeschichte angesehen.
Mary Kellys kritische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und die Anwendung dieser Erkenntnisse im Bewusstseinsbildungsgruppen, die Frauenbewegung der 1970er-Jahre sowie die provokante Haltung der Künstlerin gegenüber der Konzeptkunst bilden den Hintergrund dieses vielschichtigen Kunstwerks.
Foto © Werner Kaligofsky, Bildrecht Wien 2024
Erweiterte Ausgabe der englischen Originalausgabe von 1983
und
Deutsche Erstübersetzung
Herausgegeben von
Sabine Breitwieser
für die Generali Foundation
Wien, 1998
Texte von
Einführung von Lucy R. Lippard, Vorwort und Texte von Mary Kelly
Appendix mit Texten von Andrea Fraser, Jo-Anna Isaak, Margaret Iversen, Laura Mulvey und Paul Smith
24 x 19 cm, 220 Seiten, 134 s/w-Abbildungen
Softcover, separate Deutsche und Englische Ausgaben
Deutsch ISBN 3-901107-21-5
München, Verlag Silke Schreiber, 1998 (gebunden)
Englisch ISBN 3-901107-21-5
University of California Press, Berkeley, 1998 (gebunden)



