Durch diese erste Einzelausstellung in einem Museum im deutschsprachigen Raum von Anna Boghiguian (1946 Kairo, EG), eine ägyptisch-kanadische Künstlerin armenischer Herkunft, erfuhr die von mir erfolgreich gestartete Reihe von Premieren herausragender Künstlerinnen am Museum der Moderne Salzburg eine Fortsetzung. Die Ausstellung ermöglichte zudem erneut einen transkulturellen Austausch mit Sichtweisen, die über gängige westliche und eurozentristische hinausgehen. Zeitgleich war im Rupertinum Atrium, vom Erdgeschoß bis in den dritten Stock reichend, eine von der Künstlerin für diese Ausstellung geschaffene monumentale Installation mit dem Titel Trades + Birds zu sehen, die im Rahmen der 2016 gestarteten Reihe von Auftragsarbeiten für diesen Ort ein Jahr lang bestehen bleiben sollte.[1]
Den Rundgang durch die Ausstellungsräume eröffnet die Künstlerbücher von Anna Boghiguian und ihre jüngsten Collagen mit dem Titel An Incident in the Life of a Philosopher (2017), die eine Begebenheit im Leben von Friedrich Nietzsche in Turin thematisieren. In den nächsten Sälen folgten spektakuläre Arbeiten, darunter The Salt Traders (Die Salzhändler, 2015), eine raumfüllende Installation mit Segeln, Collagen, Salzsteinen und Sand, die anlässlich der 14. Istanbul Biennale entstanden ist. Darin zieht die Künstlerin die Herausbildung antiker Handelswege und die bis heute sichtbaren Spuren von Kolonialismus und Sklaverei nach. In der Installation A Play to Play (Ein Stück spielen, 2013) äußert sich Boghiguians ausgeprägtes Interesse an Literatur, Poesie und Philosophie, im Besonderen an dem indischen Dichter und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore (1861–1941 Kalkutta, IN). Ebenfalls zu sehen war Promenade dans l’inconscient (Spaziergang in das Unbewusste, 2016), eine Prozession von Figuren aus Papierschnitten, welche die Umstände der Gründung der französischen Stadt Nîmes als Kolonie des römischen Reichs aufdeckt und Referenzen zu den Arbeiten von Max Beckmann und seiner Kritik an der Weimarer Republik aufweist.
Während ihres Aufenthalts in Salzburg schuf Boghiguian, eigens für das Rupertinum Atrium, die monumentale Installation Trades + Birds, für die sie ein historisches Schiffsegel aus Kairo bestickte und bemalte. Darin greift sie den Welthandel mit Rohstoffen auf, die Auswirkungen von Kolonialismus und stellt Frage nach der Gerechtigkeit von Überlebensstrategien einzelner Länder im Verhältnis zu einem globalen Wohlstand. Ihr ausgeprägtes Interesse für Politik, Philosophie, Literatur und Musik, dem Boghiguian auf ihren ständigen Reisen durch die Welt nachgeht, haben sie zu einer kritischen Beobachterin gemacht. Ein wiederkehrendes Motiv in ihren Künstlerbüchern, Collagen und Installationen, welches sie auch in der Arbeit Handel + Vögel mehrfach abbildet, ist die Zeichnung einer Ohrmuschel. Boghiguian unterscheidet das metaphysische Ohr, mit dem wir unsere innere Stimme hören, vom physischen Ohr, das die Kommunikation mit unserer Umwelt ermöglicht. Boghiguian lädt uns zum aufmerksamen Zuhören ein, denn die Politik und Korruption unserer Zeit sind häufig eine Reflexion der antiken Geschichte. Die drei Vögel, die das Segel umkreisen, stehen für Boghiguian für die kollektiven Bedürfnisse der Menschen nach Bewegungsfreiheit und Gemeinschaft.
[1] Die Ausstellungsdauer wurde von der nachfolgenden Direktion später auf März 2019 verkürzt.
Foto © Werner Kaligofsky, Bildrecht Wien 2024
26. Juli – 11. November 2018
–22. Juli 2019
Museum der Moderne Salzburg
Rupertinum
Salzburg, AT
Kuratorin
Sabine Breitwieser, Direktorin; mit Marijana Schneider, Kuratorische Assistentin, Museum der Moderne Salzburg
Die Ausstellung war eine neu arrangierte Adaption einer Ausstellung organisiert von Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli-Turin, kuratiert von Carolyn Christov-Bakargiev und Marianna Vecellio, in Zusammenarbeit mit dem Museum der Moderne Salzburg.
Video Link
Anna Boghiguian im Gespräch mit Sabine Breitwieser














