Im April 1994 wurde Andrea Fraser beauftragt, ein Projekt in Wien mit der EA-Generali Foundation*, dem von Gesellschaften der EA-Generali Versicherungsgruppe gegründeten Kunstverein durchzuführen. Ihrer „Broschüre für Unternehmen“ („Preliminary Prospectus for Corporations“) zufolge, wurde das Projekt als Dienstleistung in zwei Phasen konzipiert, wobei die erste „interpretativ“ und die zweite Phase als „Intervention“ definiert war.
Die erste, interpretative Phase des Projektes von Andrea Fraser bestand primär aus Recherchen über die Foundation und die EA-Generali Gruppe Österreich. Zwischen Mai 1994 und Januar 1995 führte die Künstlerin vierzehn Interviews mit einzelnen Mitgliedern des Präsidiums, des Vorstandes und des Kunstbeirates sowie mit Angestellten der Generali Foundation und Betriebsräten der EA-Generali. Zusätzliches Material wurde aus den Abteilungen Kommunikation Marktforschung, Personal und Bildung, Rechnungswesen sowie Allgemeine Interne Verwaltung der EA-Generali Gruppe Österreich bzw. dem Archiv der Foundation selbst zusammengetragen. Ende April 1995 wurde die erste Phase mit einem Bericht der Künstlerin über die Ergebnisse ihrer Untersuchung abgeschlossen, der neben Beiträgen von Andrea Fraser statistische Grafiken, Material und Dokumente aus den Interviews enthält.
Nach einer Einleitung von Andrea Fraser ist der Bericht in zwei Teilen gegliedert. Teil eins über „Öffentlicher Imagetransfer / Symbolischer Gewinn“, befasst sich mit den Bedingungen und Widersprüchen künstlerischer Autonomie im Verhältnis zu unternehmerischem Sammeln und Sponsoring. Es werden darin die Motive der EA-Generali untersucht, sich mit zeitgenössischer Kunst zu befassen, insbesondere in Bezug auf die Entwicklung eines neuen öffentlichen Images für den Konzern. Es geht auch darum, wie die Organisationsstruktur der EA-Generali Foundation, in der die Entscheidungsfindung an professionelle Kunstberater*innen delegiert wurde, auf die Erreichung dieser Ziele ausgerichtet war. Teil zwei über „Kunst und Unternehmenskultur / Symbolische Macht“ befasst sich mit der Reaktion der Mitarbeiter*innen auf die Präsentation der von der EA-Generali Foundation aufgebauten Sammlung in der Konzernzentrale, bei der die künstlerische Autonomie und das öffentliche Image des uneigennützigen Mäzenatentums mit der wirtschaftlichen Rationalität der Unternehmensführung kollidierten. Durch die beiden Kapitel ziehen sich vier, grafisch in eine Art Polylog tretendende Textkolumnen mit unterschiedlichem Inhalt. Die erste und dritte Kolumne bringen Auszüge aus den geführten Interviews, die zweite ist eine Darstellung der EA-Generali Foundation und die vierte Kolumne ein analytisch-theoretischer Text von Fraser.
Die unmittelbar daran anschließende zweite Phase des Projektes wurde als Intervention in Bezug auf die im Bericht der Künstlerin beschriebenen Ergebnisse der Recherche konzipiert. Fraser nahm in der Generaldirektion eine „negative“ Installation vor und entfernte alle im Firmengebäude präsentierten Werke aus der Sammlung. Diese Werke wurden im neuen Ausstellungshaus der Foundation in der Wiedner Hauptstraße installiert, wobei sich die Hängung an ihre ursprüngliche Platzierung in der Generaldirektion orientierte. Nach dem Ende der Ausstellung wurden die Kunstwerke wieder in das Firmengebäude an ihren ursprünglichen Standort zurückgebracht.
*Später bezeichnet als Generali Foundation
Foto © Werner Kaligofsky, Bildrecht Wien 2024
Herausgegeben von
EA-Generali Foundation
Wien 1995
Texte von
Andrea Fraser
Postskriptum Sabine Breitwieser
Konzept und grafische Gestaltung: Andrea Fraser
Koordination, Redaktion: Sabine Breitwieser
30,5 × 21,4 cm, 104 Seiten, 14 s/w Abbildungen, 9 Grafiken, Faksimiles von Dokumenten
Klappenbroschur, separate Deutsche und Englische Ausgabe
Englisch ISBN 3-901107-12-6
Deutsch ISBN 3-901107-11-8





